Die Gutenberg-Alumna und promovierte Chemikerin Mai Thi Nguyen-Kim wird für ihre erfolgreiche Arbeit als Wissenschaftsjournalistin mit dem Förderpreis des Fernsehpreises ausgezeichnet. Was ihren Erfolg als Nachfolgerin von Ranga Yogeshwar beim Wissenschaftsformat "Quarks" des WDR ausmacht und warum sie glaubt, dass Social Media für die Vermittlung von Wissenschaft hilfreicher als gedacht sein kann, lest ihr in unserem Artikel.

Ihr Weg führte sie vom heimischen Heppenheim nach dem Abitur an die JGU zum Chemie-Studium und später zum Massachusetts Institute of Technology und nach Harvard in Boston, USA. Ihr Karriereweg in die Wissenschaft war vorgezeichnet, doch parallel zur Leidenschaft für ihr Fach zeigte Mai Thi Nguyen-Kim auch eine weitere Fähigkeit: wissenschaftliche Zusammenhänge verständlich erklären.

Menschliche Seite der Wissenschaft

Während ihrer Promotion zu physikalischen Hydrogelen auf Polyurethan-Basis vermittelte sie ihre Forschung nicht nur erfolgreich auf mehreren Science-Slams, sondern startete 2015 auch einen Youtube-Kanal mit dem Titel "The Secret Life Of Scientists". Dort räumte sie mit dem Vorurteil auf, dass Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sozial oder emotional eingeschränkte Genies seien. Sie wollte die menschliche Seite der Wissenschaft sichtbar machen. Schon bevor sie mit weiteren Online-Projekten durchschlagenden Erfolg hatte, schlug sie Angebote für lukrative Laborstellen aus und entschied sich für einen Weg in den Wissenschaftsjournalismus.

Für das öffentlich-rechtliche Online-Angebot "funk" recherchiert und produziert sie für den YouTube-Kanal "maiLab", der unter anderem im Jahr 2018 mit dem Grimme Online Award prämiert wurde. Als erste YouTuberin erhielt sie im gleichen Jahr den Georg-von-Holtzbrinck-Preis in der Kategorie Wissenschaft, 2019 ging der Hanns-Joachim-Friedrichs-Preis an sie und im November 2020 wird ihr der Heinz-Oberhummer-Award für "hervorragende Wissenschaftsvermittlung" verliehen.

Zeitgemäßer Wissenschaftsjournalismus

Der jetzt verliehene Fernsehpreis spiegelt ihren Erfolg als Nachfolgerin von Ranga Yogeshwar als Moderatorin bei der WDR- Wissenschaftssendung "Quarks" und einem Tagesthemen-Kommentar zur Herdenimmunität in Bezug auf den Coronavirus wider.

Wer in Zeiten der Coronapandemie nach verlässlichen und verständlichen Informationen sucht, wird bei der Gutenberg-Alumna fündig. Dabei geht es nicht zuletzt darum, bei den Zuschauerinnen und Zuschauern ein Verständnis für die wissenschaftlichen Hintergründe zu entwickeln. Dafür nimmt sie sich mehr Zeit als üblich in Social Media. Bis heute hat ihr Video "Corona geht gerade erst los" fast 6,3 Millionen Aufrufe auf Youtube und dauert über 22 Minuten. Eine Kampfansage an leicht verdauliche Unterhaltung und kurze, schnellgeschnittene Videos:

„Wenn das Internet auch ein Hexenkessel ist, in dem gefährliche Falschinformationen gebraut werden, dann sind wissenschaftliche Aufklärung und kritisches Denken die Medizin gegen den Wahnsinn. Wir brauchen Wissenschaft auf dem Schlachtfeld – also im Internet.“ - Mai Thi Nguyen-Kim (Januar 2020)

Doch Nguyen-Kim schränkt auch ein, denn Wissenschaftskommunikation sei nicht „einfach so nebenbei“ zu machen. Hinter einer reichweitenstarken Kommunikation steckten konzeptionelle und redaktionelle Überlegungen sowie viel Zeit und Engagement.

Guter Wissenschaftsjournalismus dürfe sich auch nicht den vermeintlichen Vorgaben erfolgreicher Unterhaltung auf den Social Media Plattformen unterwerfen. Es bestehe in der „aufgeheizten Diskussionskultur im Netz“ durchaus ein großes Bedürfnis an Sachlichkeit und Vernunft. Deswegen habe sie beschlossen, eben nicht alles zu vereinfachen und auf kurze 3-Minuten Videos zu reduzieren, sondern eher 15-minütige Videos zu produzieren. Die Beobachtung ihrer Kommentarspalten gibt ihr dabei recht. Statt Geschrei und Pöbelei findet man dort auch konstruktive Diskussionen auf Basis der vermittelten Details und wissenschaftlich belegten Quellen.

Das Zwiebel-Bild

Für diejenigen, die sich selbst mit der Vermittlung von wissenschaftlichen Inhalten für ein größeres Publikum beschäftigen möchten, eignet sich vor allem das Bild der Zwiebel, das Nguyen-Kim gerne verwendet, wenn es heißt, ihren erfolgreichen Weg auf Social Media nachzuzeichnen. Dabei heißt es den Zwiebelquerschnitt zu verstehen:

„Außen sind große Schalen, ein größeres Publikum, aber wir sind inhaltlich oberfächlicher. Zum Beispiel kann ich durch ein Instagram-Selfe mit Weinglas ganz außen auf der Zwiebel Aufmerksamkeit wecken. Weiter innen in der Zwiebel finden die Selfie-Liker mein YouTube-Video über die gesundheitlichen Folgen von Alkohol.“

Um an die innersten Schalen der Zwiebel zu gelangen, braucht es für die Menschen dann oft den Blick in die Beschreibung des Videos, in der wissenschaftliche Veröffentlichungen als Quelle verlinkt sind. Doch auch wenn die Kompromisse zwischen Komplexität einer wissenschaftlichen Fragestellung und einfachem Zugang zum Thema oft schwierig sind, wirbt sie dafür, die äußeren Schalen der Zwiebel zu nutzen, um die Öffentlichkeit immer weiter in die Zwiebel bis zu den Details der Themen herein zu holen.

Den immer wieder aufkommenden Frust vieler Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, in der Gesellschaft oft missverstanden zu werden, kann sie jedoch sehr gut nachvollziehen. Zusammen mit der Komikerin Carolin Kebekus produzierte sie dieses Jahr ein Video mit dem Titel "Wissenschaftler haben auch Gefühle", das zeigt, wie viel wissenschaftliches Herzblut in ihren Veröffentlichungen steckt:

Quelle: Nguyen-Kim, Mai Thi: "Rein in die Zwiebel!: Warum die Neuen Medien mehr Tiefe verlangen", in: Wissenschaft und Gesellschaft: Ein vertrauensvoller Dialog, 289-295, https://www.researchgate.net/publication/336670669ReinindieZwiebelWarumdieNeuenMedienmehrTiefe_verlangen, (abgerufen am 19.6.2020)
Bildquelle: mailab/funk/SWR

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Max Lindemann

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