Der Aerial Medical Service (AMS) wurde 1928 von John Flynn, einem Pfarrer der Presbyterianischen Kirche, gegründet. Er wollte den Missstand beheben, dass es nur zwei Ärzte für das zwei Millionen km² große Outback gab. Bereits 1912 rief er die Australian Inland Mission ins Leben und eröffnete einige Buschkrankenhäuser. Um die gewaltigen Strecken zurücklegen zu können, setzte er, sobald die Technik zuverlässig genug war, auf Flugzeuge.

Die Entstehung des AMS ist eng mit der Entwicklung eines leicht bedienbaren und vom Stromnetz unabhängigen Funkgerätes verbunden. Dies wurde 1928 von Alfred Traeger serienreif entwickelt, wodurch auch entlegene Orte oder Farmen über eine Entfernung von 500 km mit dem AMS Kontakt aufnehmen konnten. Der erste Stützpunkt des AMS nahm am 15. Mai 1928 in Cloncurry (Queensland) seinen Dienst auf. 1934 wurde der Australian Aerial Medical Service gegründet und es wurden Sektionen in ganz Australien eröffnet. Der Dienstleister wurde 1942 in Flying Doctor Service umbenannt. 1955 gab die englische Krone die Zustimmung zu dem Namen Royal Flying Doctor Service. Nach und nach erhielt der Dienst seine eigenen Flugzeuge, sodass er nicht mehr auf die Bereitstellung fremder Maschinen angewiesen war. Seit vielen Jahren stammt ein großer Teil der Flugzeugflotte vom Produzenten Pilatus in der Schweiz, der das Modell PC-12 speziell auf die Anforderungen des RFDS angepasst hat.

Am 26. November 2018 übernahm Royal Flying Doctor Service of Australia ihre erste Pilatus PC-24, und wurde weltweit der erste Nutzer der Ambulanzflugzeugversion der PC-24 und war eng in die Entwicklung bei Pilatus eingebunden.

Höchstens zwei Stunden bis zum Einsatzort

Der RFDS betreut nahezu alle gering besiedelten Gebiete Australiens und damit 7,15 Millionen km², was in etwa zwei Dritteln der Gesamtfläche Australiens entspricht. Allein der Stützpunkt in Alice Springs ist für ein Gebiet von 1,25 Millionen km² mit einem Radius von 600 km zuständig, in dem etwa 16.000 Menschen leben. 90 % von ihnen sind Aborigines. Der RFDS kann innerhalb von zwei Stunden jede Person in Australien erreichen und versorgen.

Der RFDS besitzt etwa 63 Flugzeuge an 21 Standorten mit insgesamt fast 1000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Nur bei Bedarf ist auch ein Arzt an Bord. Viele Flüge werden von speziell ausgebildeten Pflegern oder Krankenschwestern begleitet oder es werden nur Medikamente bzw. Blutkonserven transportiert.

Als auf Luftrettung und Intensivtransporte spezialisierten Notfallmediziner beim RFDS erwartet einen ein hochspannendes, forderndes und auf der Welt einmaliges Arbeitsumfeld.

Der RFDS hat in vielen abgelegenen Orten und Farmen Boxen mit Medikamenten stationiert. Die Medikamente sind nummeriert, um Missbrauch zu verhindern und bei telefonischen Anweisungen Eindeutigkeit zu wahren. Ein Arzt kann dann im Falle einer medizinischen Beratung per Telefon oder Funk die Nummer des Medikaments angeben, das einzunehmen ist.

Die Basis des RFDS in Alice Springs unterhält einen eigenen Hangar mit vier Flugzeugen und ist 24 Stunden am Tag von speziell ausgebildetem Intensivpflege und Transportpersonal besetzt. Piloten, Ärztinnen und Ärzte arbeiten in einem Tag/ Nacht Schichtsystem und werden telefonisch aktiviert, wenn ein Notfall gemeldet wird.

Notfallmeldungen in Teamarbeit bearbeiten

Eingehende Anrufe werden zunächst von der Zentrale entgegengenommen und zu einer speziell ausgebildeten Triage-Pflegenden zur detaillierten Bearbeitung weitergeleitet. Diese kann zu jeder Zeit den Arzt dazuschalten im Sinne einer Telefonkonferenz. Die Anrufe stammen generell von zwei Stellen:

  • in den kleinen Gemeinden im Outback bestehen kleine Gesundheitszentren, die meist von 1-2 spezialisierten Pflegenden betrieben werden, die Ausbildung in Notfallmedizin, Gynäkologie, Innerer Medizin, Chirurgie und Kinderheilkunde besitzen. Es besteht meist die Möglichkeit Standard Blutuntersuchungen und EKGs durchzuführen, die dann schnell über das Satellitennetzwerk elektronisch an den RFDS weitergeleitet werden können. In den wenigen größeren Gemeinden sind zu gewissen Zeiten auch Allgemeinmediziner verfügbar, die allerdings ihrerseits einen großen Radius abdecken und immer nur einige Tage in einer einzelnen Gemeinde vor Ort sind.

  • große Farmbetriebe, die weit entfernt von den Gemeinden liegen, aber eine größere Anzahl von Angestellten und Bewohnern haben und auch über eigene Landebahnen verfügen. Hier existiert jedoch kein medizinisches Personal, aber alle gängigen Medikamente werden meist vorgehalten.

Wegen der zum Teil erheblichen Distanzen und Zeitverzögerungenwird je nach Schwere des Falles ein konkreter Behandlungsplan erstellt, der bis zum Eintreffen des RFDS vor Ort befolgt werden soll. Der RFDS steht auch während des Anfluges über Satellitentelefon jederzeit zur Verfügung, um weitere Anweisungen zu geben. Außerdem hat die Zentrale als Sicherheitsnetz Zugriff auf weitere Ärzte zur telemedizinischen Betreuung, bis das fliegende Team vor Ort eintrifft.

Trickreiche logistische Planung

Der diensthabende Arzt ist in letzter Instanz für die Planung, Priorisierung und telemedizinische Behandlung verantwortlich. Da aus ökonomischen und Zeitgründen immer versucht wird,mit einem Flug zwei Notfälle gleichzeitig abzudecken, gestaltet sich die logistische Planung zum Teil trickreich, da Wetter, Landebahnzustand (nicht alle sind für Nachtlandungen zugelassen) und natürlich der Zustand des Patienten in einen auch ausführbaren Plan integriert werden müssen. Der Pilot steht hier, was die Logistik anbelangt, hilfreich zur Seite, und entscheidet letztendlich aus seiner Sicht, ob der Plan so durchgeführt werden kann. Hier spielen auch Gewicht der Patienten und des Personals, Distanzen und Wetter entscheidende Rollen, da in den kleinen Gemeinden keine Möglichkeit zum Auftanken besteht und allenfalls mit einer Tankfüllung pro Einsatzflug gearbeitet werden muss.

Generell ist in der Luftrettung natürlich alles immer im Flux, und oftmals erreichte uns die Benachrichtigung über einen höher priorisierten Notfall erst, wenn wir schon in der Luft waren.Nicht selten mussten dann noch der Plan und die Flugroute geändert werden.
Der Notfall- und Intensivmediziner hat also mehrere Aufgaben zu erfüllen:

  • telemedizinische Beratung, Behandlung und Priorisierung der medizinischen und chirurgischen Notfälle
  • Missionsplanung und Logistik (zusammen mit dem Piloten)
  • direkte medizinische und chirurgische Versorgung vor Ort und in der Luft
  • laufende Koordinierung zwischen Standort des Patienten, RFDS und dem annehmenden Krankenhaus/Intensivstation.

Aus diesen Aufgaben ergeben sich entsprechend hohe Anforderungen an Verfassung, Kenntnisstand und Können der RFDS Notfall-und Intensivmediziner und -medizinerinnen:

  • volles Repertoire aller Atemwegsinterventionen und der maschinellen Beatmung über längere Zeiträume
  • volles Repertoire aller vaskulären Zugangswege (ZVK, arteriell, intraossär)
  • volles Repertoire der intensivmedizinischen medikamentösen Therapie (Vasopressoren, Inodilatoren, intensivierte Asthmatherapieu.a.)
  • traumatologische Techniken (Thoraxdrainagen, arterielle Blutstillung, Frakturreduktion- und Schienung, Beckenstabilisierung, Wundversorgungu.a.)
  • hohe mentale und physische Fitness bei Arbeit unter extremen Bedingungen (Hitze, enge Räumlichkeiten, Luftdruckschwankungen, Stürme, Turbulenzen) in extrem abgelegenem Gelände ohne jegliches Backup zu jeder Tages- und Nachtzeit und mit z. T. nicht vorhersehbarem Ende (mein längster Dauereinsatz war 28 Stunden lang, bedingt durch logistische Probleme und mehrere „Kategorie 1-Notfälle“ ohne alternativ verfügbares Team).

Den hohen Anforderungen und der hohen Belastung steht jedoch dafür als Ausgleich ein nicht nur medizinisch, sondern auch insgesamt gesehen einmaliges Erlebnis gegenüber, das man auf der ganzen Welt so nicht findet (zumindest nicht im Rahmen einer top modernen Organisation wie dem RFDS).

Die einzigartige und faszinierende Landschaft, Flora und Fauna des roten Zentrums Australiens: Wüstenebenen, verwitterte Bergketten, Felsschluchten und einige der heiligsten Stätten der Aborigines, darunter der Uluru (Ayer’s Rock und Kata Tjut–a).

Bei Nachtlandungen irgendwo im Nirgendwo erschließt sich dem Beobachter ein schier unbegreiflicher Sternenhimmel mit einer Klarheit der Milchstraße, wie man sie nur an wenigen Orten der Welt beobachten kann.

Notfallmedizin: Viel mit sehr wenig erreichen

Die Interaktionen mit den Ureinwohnern Australiens, die in vielen Gemeinden immer noch nur über ihre Stammesältesten kommunizieren, die dann zum Teil auch über die medizinischen Behandlungen mitbestimmen, sind extrem komplex und fordernd, aber auch, besonders im pädiatrischen Bereich, sehr belohnend. Allein die Ankunft eines Flugzeuges ist für die meisten Kinder schon wie ein Festival, aber die Aussicht, eventuell mitfliegen zu dürfen, vertreibt oftmals schon den größten Schmerz oder die Leiden der akuten Krankheit. Das Gefühl, die Medizin in ihrer reinsten Form zu praktizieren, in absolut abgelegenen Gebieten mit nur den allernötigsten Hilfsmitteln, fernab vom Apparatus der Klinik und inhibierenden Faktoren, ist eine wahre Freude und zeigt dem versierten Notfallmediziner vor allem, wie viel man mit sehr wenig erreichen kann. Die Schwere der Erkrankungen und Verletzungen, und auch der sehr verspätete Zeitpunkt, zu dem die Patientinnen oder Patienten an ihrem Gesundheitszentrum vorstellig werden, stehen im krassen Kontrast zu der Situation in den Großstädten, wo die Notauflnahmen immer mehr mit „Lappalien“ verstopft sind.

Sowohl exotische Krankheitsbilder als auch weit fortgeschrittene Formen von eher bekannten Pathologien gehören hier zum Alltag, insbesondere schwerste Sepsis und Meningitis, total entgleiste Endstadium-Nierenkrankheiten mit verpasster Dialyse seit Wochen, Intoxikationen, Evenomationen (die tödlichsten Schlangen, Spinnen und Skorpione leben im Roten Zentrum), dekompensierte rheumatische Herzerkrankungen und rheumatisches Fieber, um nur eine kleine Auswahl zu nennen. Dazu kommen noch häufige, sehr schwere Auto- und Motorradunfälle (Sicherheitsgurte und Helme sucht man hier vergeblich) auf den nicht asphaltierten unwegsamen Straßen des Outbacks, oftmals mit Überschlagen und schwieriger Bergung.

Abschließend kann ich sagen, dass die Arbeit mit dem Royal Flying Doctor Service in Alice Springs im “Red Centre“ Australien eine der außergewöhnlichsten Gelegenheiten war, die sich mir medizinisch in meiner ohnehin schon bunten Laufbahn geboten haben, und ich kann diese uneingeschränkt für alle Kolleginnen und Kollegen, sowie auch Pflegende empfehlen, die sich zutrauen, in einem Kontext wie oben beschrieben zu arbeiten und auf der Suche nach dem Einen sind, was mich seit nunmehr zwei Jahrzehnten über vier Kontinente getrieben hat: Das unvergleichliche Gefühl von Freiheit und Abenteuer.

Gutenberg-Alumnus Dr. med. Christian P Pathak, MD, PhD, FRCPCH ist Notfall- und Intensivmediziner und flog als leitender Notarzt über 100 Einsätze mit dem Royal Flying Doctor Service of Australia

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