Musikerziehung, Geschichte, Musikwissenschaft, Pädagogik  | 1977

Wenn ich an meine Zeit in Mainz und an der JGU denke, fällt mir als Erstes ein, ...

dass ich, der in dörflicher Umgebung aufgewachsen war, meine erste Begegnung mit „großer“ Oratorienliteratur als Chorsänger im Collegium musicum hatte. Als Schulmusikstudent war man zur Mitwirkung im „Coll. mus.“ der Universität verpflichtet. Aber schon im ersten Semester 1964 wurde aus Pflicht Freude: Unter der Leitung von Prof. Dr. Ernst Laaff wurde „Die Schöpfung“ von Haydn mit großem Erfolg aufgeführt.
Ich erinnere mich aber auch an den unerfreulichen Umstand, dass die räumliche Distanz zwischen dem damaligen Hochschulinstitut für Musik am Binger Schlag und der Universität oft mehrmals täglich überwunden werden musste. So ging es, in der Regel zu Fuß, die verkehrs- und abgasreiche Saarstraße hinauf und zur Erholung über den Zentralfriedhof wieder bergab, wobei man hier an die Vergänglichkeit all seiner Mühen eindrücklich erinnert wurde.

Mein Lieblingsort auf dem Gutenberg-Campus war …

Nicht zu einem Lieblingsort, aber zu einem Ort der Vertrautheit bildete sich der Vorlesungsraum im Musikwissenschaftlichen Institut heraus. Man hatte von Anfang an (1946) diesem Studienfach im Forums-Gebäude Eingang B, 2. Stock unterm Dach eine Solitude-Lage zugewiesen. Die „Anmutungsqualität“ des Ortes verströmte in seiner Beschränkung und Kargheit die Gewissheit eines äußerst sparsamen Umgangs mit öffentlichen Mitteln, vermittelte aber auch das Gefühl, angenommen zu sein und beachtet zu werden. Zugegeben: Dies ist nicht ganz pathosfrei formuliert.

Prof. … wird mir immer im Gedächtnis bleiben, weil …

Prof. Dr. Albert Wellek war Ordinarius für Psychologie, zugleich aber auch für die Systematische Musikwissenschaft mit den Teilbereichen Musikpsychologie und Musikästhetik zuständig. Er hatte sein profundes Wissen in einem Standardwerk veröffentlicht, das mit Hörerrabatt von allen Studierenden zu erwerben war. Diese schriftliche Grundlage seiner Vorlesungen war auch unverzichtbar, da es bei seinem Vortragsstil unmöglich war, die persönlichen Notizen später zu dechiffrieren. In freier Rede, thematisch mäandernd und mit enorm schnellem Sprechtempo lief er in ebenso beachtlicher Geschwindigkeit vor seinem Auditorium auf und ab. Inhaltlich und rhetorisch bewundernswert, aber eine gewaltige Herausforderung an die Rezeptionsfähigkeit seiner Zuhörer.

Das Wichtigste, was ich aus meiner Studienzeit mitgenommen habe, ist …

die Fähigkeit, musikalische Praxis und wissenschaftliche Reflektion zu verbinden. Im sogenannten Mainzer Modell war in einzigartiger Weise die Schulmusikerausbildung mit der Musikwissenschaft verknüpft. Anders gesagt: Die Musikwissenschaft war in die musikpraktische und musikpädagogische Ausbildung integriert. Dieses integrale Studium gab den Musikpädagogen ein starkes fachwissenschaftliches Fundament, regte aber durch das breite Spektrum der Studieninhalte auch zahlreiche Absolventen zu beruflichen Tätigkeiten im Musikleben an, für die es damals keine spezielle Ausbildung gab (z. B. im Kultur- und Medienmanagement).

Das würde ich heutigen Studierenden mit auf den Weg geben:

Voraussetzung für ein erfolgreiches Studium ist ein gleichsam überbordender Enthusiasmus, eine ungebremste Leidenschaft für das Fachgebiet. Nur wenn man für die Sache wirklich brennt, kann man die Energie aufbringen, den Horizont weiter zu ziehen als es (formal) verlangt wird. Mit einem solchen stabilen inneren Gerüst sind nicht nur Prüfungen zu bestehen, Rückschläge zu verkraften, sondern auch ungewohnte Anforderungen im Berufsleben zu meistern.

Um es mit Beethoven zu sagen (op. 111, 1. Satz): con brio ed appassionato.

Prof. Dr. Andreas Eckhardt, Musikwissenschaftler und Kulturmanager, Jahrgang 1943, studierte an der JGU Musikerziehung, Geschichte, Musikwissenschaft und Pädagogik. Nach seinem Abschluss arbeitete er als Gymnasiallehrer, beim Musikverlag Schott und war Bundesgeschäftsführer des Verbandes Deutscher Schulmusiker. 1977 promovierte er an der JGU im Fach Musikwissenschaft.

Von 1980 bis 1998 war Andreas Eckhardt Generalsekretär des Deutschen Musikrates, dem Dachverband für musikalische Fachverbände und die Musikräte der Bundesländer, bevor er bis zum Eintritt in den Ruhestand das Direktorenamt des Beethoven-Hauses Bonn übernahm. Er lehrte Kulturmanagement an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Hamburg.

Andreas Eckhardt engagiert sich bis heute als Fachkurator für Musik in der Jürgen Ponto-Stiftung und als Präsident der Fondation Hindemith in Blonay/ Schweiz. Für seine Verdienste um das Musikleben in Deutschland wurde er mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet und zum Ehrenmitglied des Deutschen Musikrates ernannt.

Bildquellen | Porträt: privat



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