Evangelische Theologie | 1988

Wenn ich an meine Zeit in Mainz und an der JGU denke, fällt mir als Erstes ein …

dass ich mich in meinem 1. Semester im Fach Evangelische Theologie in Mainz 1983/84 dem Erlernen der hebräischen Sprache widmen musste. Da ich jedoch biographisch mit dem Umstand lebe, der Generation der Baby-Boomer anzugehören, füllten den kleinen Hörsaal, der für schätzungsweise 60 Studierende ausgelegt war, gefühlte 120 Personen, die neben den ordentlichen Sitzplätzen jeglichen Platz auf dem Boden und der Fensterbank für sich in Beschlag nahmen. Herrn Groß, unserem Hebräischlehrer, wurde es somit unmöglich, uns gerecht zu werden. Ich hatte Glück, gute Freundschaften geknüpft zu haben und konnte immer auf einen Platz in der 3. oder 4. Reihe hoffen, weil wir uns gegenseitig die Plätze freihielten.

... wie schwierig es war, einen der wenigen Parkplätze in der Albert-Schweitzer-Straße zu ergattern, der möglichst nicht zu weit von der Evangelischen Fakultät entfernt war. Aber auch der Parkplatz am Bruchwegstadion war oft der Rettungsanker, um rechtzeitig noch zur Veranstaltung zu kommen.

Mein Lieblingsort auf dem Gutenberg-Campus war …

die Evangelische Fakultät. Durch meine Berufstätigkeit als Gemeindepädagogin mit 30 Stunden kam ich immer sehr zielgerichtet zu den Lehrveranstaltungen auf den Campus und öfter auch auf den letzten Drücker an. Und sehr angenehm empfand ich es, dass mein Fachbereich gleich am Universitätseingang sein Domizil hatte …

Prof. … wird mir immer im Gedächtnis bleiben, weil …

Professorin Dr. Luise Schottroff wird mir immer im Gedächtnis bleiben, weil sie mich nicht nur theologisch sehr beeindruckte, sondern sie – als übrigens einzige damals – neben ihren Veranstaltungen an Arbeitsgruppensitzungen teilnahm, um nicht nur inhaltlich, sondern auch pädagogisch und didaktisch unsere Seminarbeiträge zu begleiten. Das war wirklich super und absolut hilfreich.

Unser Professor in Altes Testament und Prüfer für Hebräisch wird mir ebenfalls immer im Gedächtnis bleiben. Am Prüfungstag hatte ich leider eine gefährliche Autopanne auf der Autobahn und schaffte es durch viele glückliche Umstände gerade noch rechtzeitig zur mündlichen Prüfung. Der Professor ließ leider jegliche Empathie vermissen und schien die schwierigen Umstände, unter denen wir in Mainz Hebräisch lernen mussten, völlig zu ignorieren. Dazu machte er sich in Anbetracht meiner – in seinen Augen – unzureichenden Kenntnisse sogar noch lustig über mich. Seine unerträgliche Arroganz, die nicht nur ich zu spüren bekam, werde ich nicht vergessen. Zum Glück blieb diese Erfahrung ein Einzelfall und es überwogen die Menschen, die es gut mit mir meinten und mich positiv geprägt haben.

Das Wichtigste, was ich aus meiner Studienzeit mitgenommen habe, ist …

meine besten Freunde/Freundinnen, mit denen ich Seite an Seite – nun fast schon 40 Jahre – durchs Leben gehe und wir uns gegenseitig durch Höhen und Tiefen begleiten. Darüber bin ich sehr dankbar.

Das würde ich heutigen Studierenden mit auf den Weg geben:

Zum einen, dass sie neben der Theorie und der Wissenschaft nie die Praxis aus den Augen verlieren und ihre Studien, wo es geht, durch Praktika – auch gerne im Ausland – ergänzen sollten.
Und zum anderen, dass sie – besonders in den Geisteswissenschaften – viel mit Studierenden im Austausch sind, da das gerade für die Vertiefung und die persönliche Weiterentwicklung sehr wichtig ist.

Christine Beutler-Lotz, Jahrgang 1959, ist Schaustellerpfarrerin in der Evangelischen Kirche von Hessen und Nassau. Selbst aus einer Schaustellerfamilie stammend, fand sie über Kindergottesdienste zur Kirchenarbeit, was schließlich in ein Studium der Gemeindepädagogik an der Evangelischen Fachhochschule Darmstadt mündete. Nach dem Abschluss des Studiums und dem anschließenden Anerkennungsjahr war sie ab 1982 Gemeindepädagogin und bereits in der Schausteller-Seelsorge tätig. Die Teilzeitbeschäftigung ermöglichte ihr ein paralleles Studium der Evangelischen Theologie in Frankfurt, Marburg und an der JGU, das sie 1988 erfolgreich abschloss. Das Vikariat absolvierte sie in Gau-Algesheim.

Seit 1995 ist Christine Beutler-Lotz Schaustellerpfarrerin mit Leib und Seele und betreut ihre reisende Gemeinde im gesamten Gebiet der Evangelischen Kirche von Hessen und Nassau, das den südlichen Teil des Landes Hessen, die ehemaligen Regierungsbezirke Rheinhessen und Montabaur des Landes Rheinland-Pfalz sowie einige Gemeinden in Nordrhein-Westfalen umfasst.

Sie gestaltet Gottesdienste auf dem Autoscooter oder im Festzelt, besucht ihre Gemeindeglieder an ihren Geschäften auf den Volksfesten, tauft, konfirmiert und traut auf der Kirmes oder im heimatlichen Wohnort, begleitet Sterbende und beerdigt. Über die sozialen Netzwerke hält sie ganzjährig den Kontakt, und während der Pandemie hat sie einen YouTube-Kanal aufgebaut, über den sie zurzeit samstags gegen 23 Uhr "Christine's late night special" sendet.

Wer Gott etwas aus den Augen verloren hat, aber gerne mal wieder Kontakt hätte und einen Gottesdienst besuchen möchte, ist herzlich zu einem Kirmesgottesdienst eingeladen. Wann und wo? Einfach unter www.schaustellerseelsorge.de schauen. Wenn nach der Pandemie die Volksfeste wieder stattfinden, werden hier auch wieder Gottesdienste gefeiert.

In ihrer Freizeit hat Christine Beutler-Lotz sich der Portraitfotografie und dem Fußball verschrieben. Neben dem Schiedsrichterschein besitzt sie die Jugendtrainerlizenz und trainierte zehn Jahre Jugendmannschaften der Sportfreunde Dienheim. Bei Heimspielen des 1. FSV Mainz 05 kann man sie im Stehblock der Fantribüne antreffen.

Bildquellen | Porträt: © Lichtblicke Mainz



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