Geschichte, Politikwissenschaft, Kunstgeschichte | 1968

Wenn ich an meine Zeit in Mainz und an der JGU denke, fällt mir als Erstes ein …

wie überschaubar die Studentenschaft am Beginn meines Studiums im Sommersemester 1963 war und wie die Zahlen bis zum Ende (1968) erstmals in einer Art erster Bildungswelle signifikant gestiegen sind, und zugleich geht mir durch den Kopf, wie ich – nicht akademisch „vorgebildet“ – relativ unvorbereitet in eine mir unbekannte Welt einzutauchen und mich in ihr zurechtzufinden hatte: ohne vorangegangenen „Schnuppertag“, der erst viel später eingeführt wurde, ohne wirkliche Einführung in die Fächer, ohne Aufklärung von „Geheimnissen“ wie einer UB, der Funktion einer Fachschaft, eines Dekanats oder eines Testats. Hätte nicht das Historische Seminar just im Sommersemester 1963 erstmals ein Tutorenprogramm aufgelegt, hätten diese Prozesse der Annäherung an eine bislang „fremde“ Institution noch viel länger gedauert. Aber dominierend ist natürlich in meiner Erinnerung, dass hier meine Wissenschaftlerkarriere begann.

Mein Lieblingsort auf dem Gutenberg-Campus war …

das Historische Seminar, noch in den alten Kasernengebäuden am Eingang zum Campus untergebracht, das der eigentliche Ort der Kommunikation war, wo zudem Freundschaften fürs Leben geschlossen wurden. Und zwischen den Vorlesungen natürlich – wenigstens sommers – die Mauer vor dem Hauptgebäude, um zu sehen und gesehen zu werden …

Prof. Petry wird mir immer im Gedächtnis bleiben, weil …

ich ihm, meinem nachmaligen Doktorvater, als HiWi über viele Semester hinweg auf dem Weg zur Vorlesung seine geheiligte Wassertasse vorantragen „durfte“, in die dann noch vor der Begrüßung des Dozenten in ritualisierter Form eine Emser Pastille aufgelöst wurde. Aber solche kleinen Skurrilitäten, menschliche Schwächen auch von „gestandenen“ Wissenschaftlern, aber auch Highlights gab es häufiger: Ich erinnere mich an einen Germanisten, der wenige Stunden nach Kennedys Ermordung in seinem Kolleg eine spontane und alle Hörer bewegende Würdigung sprach; an einen Pädagogen, der in einem heißen Sommersemester über seinem eigenen Vortrag im Kolleg einzuschlafen drohte. Die Liste ließe sich verlängern …

Das Wichtigste, was ich aus meiner Studienzeit mitgenommen habe, ist, …

dass ich einen bleibenden Eindruck von der Internationalität von Wissenschaft geschöpft habe; dass mir bewusst geworden ist, dass die Fächer sich einem Prozess des ständigen Hinterfragens ihrer Formate unterwerfen sollten; dass Wissenschaft nicht nur mühsame Kärrnerarbeit erfordert, sondern auch Phantasie und den Mut zu originellen, noch unerprobten Ansätzen.

Das würde ich heutigen Studierenden mit auf den Weg geben:

Konzentration (glücklich der, der noch nicht jobben musste!), Konzentration und noch einmal Konzentration: die Promotion mit 25 Jahren war eher die Regel als die Ausnahme; einige Semester im Ausland einplanen, die ungeheuer blickerweiternd sind; Freundschaften schließen, die viel haltbarer sind als die schulischen!

Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Heinz Duchhardt, Jahrgang 1943, ist Historiker mit dem Schwerpunkt Frühe Neuzeit. Von 1963 bis 1968 studierte er Geschichte, Politikwissenschaft und Kunstgeschichte an den Universitäten Mainz, Bonn und Wien. 1968 wurde er in Mainz promoviert, arbeitete dann zunächst im Bundeskanzleramt, bevor er 1970 wissenschaftlicher Assistent an der JGU wurde, wo er sich 1974 habilitierte.

Nach Lehrstuhlvertretungen an mehreren Universitäten und Professuren in Bayreuth und Münster kehrte er nach Mainz zurück und leitete von 1994 bis 2011 als Direktor die Abteilung Universalgeschichte des Mainzer Instituts für Europäische Geschichte. 2009 bis 2015 war er zudem Präsident der Max Weber Stiftung.

In beiden Funktionen hat er auf allen Kontinenten hunderte von Vorträgen gehalten und an Tagungen und Gremiensitzungen teilgenommen. Heinz Duchhardt hat Standardwerke seiner Fachdisziplin veröffentlicht und ist Mitglied mehrerer Akademien der Wissenschaften. In der ersten Dekade des 20. Jahrhunderts war er sechs Jahre lang Gastprofessor der Ocean University Qingdao/VR China. 2011 erhielt er die Ehrendoktorwürde der Staatlichen Universität Smolensk, 2016 die der St. Kliment Ohridski-Universität Sofia.

Bildquellen | Porträt: privat



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