Philosophie, Mittlere und Neuere Geschichte | 2012

Wenn ich an meine Zeit in Mainz und an der JGU denke, fällt mir als Erstes ein …

Meine Zeit in Mainz verbinde ich mit ganz verschiedenen Lebensabschnitten – den ersten Studienjahren, als ich gerade von zu Hause ausgezogen war und Universität noch ganz fremd und abenteuerlich war; den Jahren als Hilfskraft im Zentrum für Qualitätsentwicklung; die Arbeit an meiner Dissertation und, nach ein paar Jahren in Berlin, die Rückkehr ans Philosophische Seminar als wissenschaftliche Mitarbeiterin. Und ich denke an die Kommilitonen, Kollegen und Freunde, mit denen ich diese verschiedenen Abschnitte gemeinsam erlebt habe. Einige dieser Freundschaften haben sich bis heute gehalten und in einigen Fällen sogar Jahre nach meinem Umzug nach Australien zu neuen gemeinsamen Projekten geführt.

Mein Lieblingsort auf dem Gutenberg-Campus war …

Der Botanische Garten. In meiner Zeit als wissenschaftliche Mitarbeiterin habe ich mich dort oft mit einer Freundin getroffen, die auch zum Thema Traum gearbeitet hat. Wir sind dann spazieren gegangen, haben Kaffee getrunken und uns über unsere Forschung und gemeinsame Lehrveranstaltungen unterhalten. Dabei sind viele neue Ideen entstanden!

Prof. … wird mir immer im Gedächtnis bleiben, weil…

In Thomas Metzingers Lehrveranstaltungen habe ich mich erstmals für die Philosophie des Geistes und die Bewusstseinsforschung begeistert. Wenn ich dienstagsabends nach vier Stunden Vorlesung und Seminar nach Hause kam, gingen mir die Themen und Fragen aus der Lehrveranstaltung immer noch den ganzen Abend durch den Kopf. Das war ein tolles Gefühl, als würde sich eine ganz neue Welt eröffnen. Später wurde Thomas Metzinger mein Doktorvater und Vorgesetzter und ich habe ihm viel zu verdanken und viel von ihm gelernt. Aber gerade diese ersten Lehrveranstaltungen haben dafür den Grundstein gelegt.

Und ich denke an Sigrid Hirbodian (ehemals Schmitt). In einem Proseminar zur Mittelalterlichen Geschichte hat jeder von ihr ein ganz eigenes Hausarbeitsthema bekommen – eine Quelle oder eine Fragestellung, die so noch niemand erforscht hatte. Gleichzeitig hat sie es geschafft, diesen Prozess so gut zu betreuen und aufzubereiten, dass wir uns nicht überfordert gefühlt haben, sondern gelernt haben, wie man eine Hausarbeit richtig plant und durchführt.

Ich hoffe, dass ich in meinen eigenen Lehrveranstaltungen etwas von dieser Begeisterung und Neugierde, aber auch von diesem Know-how an die nächste Generation von Studierenden weitergeben kann. Für meinen Berufs- und Lebensweg war das ganz ausschlaggebend.

Das Wichtigste, was ich aus meiner Studienzeit mitgenommen habe, ist …

dass es manchmal besser ist, sich vom eigenen Interesse leiten zu lassen als strategisch zu denken. Für mich war das zweimal ganz entscheidend. Einmal bei der Studienfachwahl – ich habe dabei gar nicht viel an spätere Berufschancen gedacht. Das war sicherlich etwas naiv, das hat aber auch ermöglicht, dass ich mich nicht nur im Studium, sondern auch jetzt, beruflich, mit den Fragen und Themen beschäftigen darf, die mich bis heute am meisten faszinieren. Ich habe sicherlich großes Glück gehabt, und der Wettbewerb um Stellen in der Philosophie wird immer härter – aber hätte ich damals anders gewählt, hätte sich dieser Weg gar nicht erst eröffnen können.

Auch bei der Themenwahl für mein Promotionsprojekt und meine spätere Forschung habe ich mich von meinem Interesse leiten lassen. Mein Thema – das Verhältnis zwischen Traum, Schlaf und Wachbewusstsein – war in der Philosophie des Geistes sehr ungewöhnlich. Hinzu kam, dass ich von Anfang an versucht habe, philosophisch-begriffliche Analyse mit empirischen Daten und eigenen Forschungsprojekten zu verbinden. Ich bekam von verschiedenen Seiten zu hören, mein Projekt sei abseitig und nicht wirklich „philosophisch“. Einmal hat mir sogar jemand gesagt, ich solle vorsichtig sein, bei Vorträgen nicht zuviel Begeisterung über mein Thema an den Tag zu legen – gerade bei einer Frau (!) könne dies unseriös wirken. Solche Ratschläge haben mir gerade am Ende der Promotionsphase oft Sorgen gemacht und ich habe befürchtet, mich in eine berufliche Sackgasse manövriert zu haben. Rückblickend sehe ich das sehr anders. Ich habe jetzt das Glück, zusammen mit Kollegen aus der Psychologie und den kognitiven Neurowissenschaften sowie in meiner eigenen Gruppe mit meinen Doktoranden verschiedene Aspekte von Traum und Schlaf sowie von Tagtraum und spontanen Gedanken im Wachzustand erforschen zu dürfen. Was früher nach einer bestenfalls ungewöhnlichen Themenwahl und disziplinären Ausrichtung aussah, hat zu einem vielseitigen und produktiven Forschungsprojekt geführt. Und es hat mich nach Australien gebracht, wo ich jetzt mit meinem Partner und unseren beiden Kindern lebe.

Das würde ich heutigen Studierenden mit auf den Weg geben:

Ich denke, das Studium hat zwei Seiten – ein wichtiger Aspekt sind natürlich formale Qualifikation und Berufsbildung, aber das Studium ist auch ein intellektuelles Geschenk an sich selbst. Die allerbesten Momente sind die, in denen sich eine neue Welt eröffnet – eine neue Sichtweise und eine neue Art, Fragen zu stellen und über scheinbar Vertrautes neu nachzudenken. Und natürlich hat man manchmal auch einfach unrecht – man sollte daher immer dafür offen bleiben, sich selbst zu überraschen und die eigene Position zu verändern. Die Fähigkeit kritisch zu denken – die in den Geisteswissenschaften, aber insbesondere auch durch die Philosophie gefördert wird – wird auch auf dem Arbeitsmarkt immer mehr geschätzt. Kritisch denken heißt aber auch, sich manchmal einzugestehen, dass man etwas nicht weiß oder dass eine wichtige Frage (noch) nicht endgültig beantwortet werden kann. Gerade in Zeiten zunehmender Veränderung ist die Fähigkeit, mit Unsicherheit leben zu können, wertvoll.

Dr. Jennifer M. Windt, Philosophin, studierte in Mainz Philosophie, Mittlere und Neuere Geschichte. Sie war ab 2009 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Philosophischen Seminar der JGU und wurde hier 2012 promoviert. Für ihre Dissertation, die eine philosophische Theorie des Traumbewusstseins formuliert und für die sie auch eigene Erfahrungen im Traum- und Schlaflabor gesammelt hat, erhielt sie den Barbara Wengeler-Preis. Die 2015 erschienene Buchversion „Dreaming“ (MIT) wurde von der Association for the Scientific Study of Conciousness mit dem William James Preis für den besten publizierten empirischen oder philosophischen Beitrag zur Bewusstseinsforschung ausgezeichnet. Gemeinsam mit ihrem Doktorvater Prof. Dr. Thomas Metzinger veröffentlichte sie 2015 die innovative Textsammlung „Open MIND“ als Open Access-Projekt. Seit 2020 gibt sie zusammen mit Wanja Wiese (RUB) und Sascha Fink (Magdeburg), beides ebenfalls Alumni der JGU, die Open Access-Zeitschrift „Philosophy and the Mind Sciences“ heraus, die sich auf die Schnittstelle zwischen Philosophie und empirischen Geisteswissenschaften konzentriert. Beide Projekte sind nicht nur für Leser, sondern auch für Autoren vollständig gebührenfrei.

Seit 2015 forscht Jennifer Windt als Senior Research Fellow am Philosophy Department und im neu eingerichteten Monash Centre for Consciousness and Contemplative Studies der Monash University in Melbourne/ Australien. Ihre Forschung zu Bewusstsein, Traum und Tagtraum, welche die philosophische Begriffsanalyse mit eigener empirischer Forschung verbindet, wird vom Australian Research Council und vom National Health and Medical Research Council gefördert. 2017 wurde sie von der Monash Universität mit dem Faculty of Arts Dean's Award und dem Vice-Chancellor’s Award for Excellence in Research by Early Career Researchers ausgezeichnet.

Bildquellen | Porträt: © Jennifer M. Windt



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