Dolmetschen: Deutsch, Französisch, Englisch | 1971

Wenn ich an meine Zeit in Germersheim und an der JGU denke, fällt mir als Erstes ein …

Immatrikuliert habe ich mich im Jahre 1967 am „ADI“ – dem Auslands- und Dolmetscher-Institut, im Volksmund „Sprachschule Germersheim“ genannt. Die Mindeststudiendauer betrug sechs Semester, und es gab keine Promotionsordnung. Der Fachbereich Translations-, Sprach- und Kulturwissenschaft schaut heute auf eine glänzende Entwicklung zurück – wie immer man die Angemessenheit einer stärker wissenschaftlich orientierten Ausbildung von Übersetzern und Dolmetschern beurteilen mag. Beide sind und bleiben zu einem nicht unerheblichen Teil vorwiegend „Handwerksberufe“.

Mein Lieblingsort auf dem Germersheimer Campus war …

Es gab auf dem Campus schon „zu meiner Zeit“ eine international als führend anerkannte Infrastruktur und Technik für die Ausbildung von Simultandolmetschern. Klar, dass ich mich im „Dolmetsch-Labor“ und in den Dolmetscher-Kabinen am meisten und am liebsten aufgehalten habe. Zumal die „Träne“ hier außer Konkurrenz läuft. Dieser Inbegriff einer Studentenkneipe befand sich ja auch nicht auf dem Campus – sondern auf der anderen Straßenseite – genau gegenüber dem Haupteingang und damit der Pedell-Loge, die heute sicher eine andere Bezeichnung trägt.

Prof. … wird mir immer im Gedächtnis bleiben, weil …

Mein Dolmetscher-Kollege, Freund und Vorbild war Heinz Göhring. Ich habe mich gefreut und es sehr begrüßt, dass er schon zu meiner Germersheimer Zeit am damaligen FAS einen Lehrstuhl übernehmen konnte. Sein Anteil an der spektakulären Entwicklung des FAS zu dem international renommierten FTSK ist nicht hoch genug einzuschätzen. Er war der erste Hochschullehrer, der an einer deutschen Hochschule das Fach der interkulturellen Kommunikation etablieren konnte. In enger und fruchtbarer Zusammenarbeit mit Hans Vermeer hat er die Lehre am FTSK um eine Dimension erweitert, die heute aus der Ausbildung von Übersetzern und Dolmetschern nicht mehr wegzudenken ist.

Das Wichtigste, was ich aus meiner Studienzeit mitgenommen habe, ist …

Nach einigen Berufsjahren, zum Beispiel mit häufigen Einsätzen bei der EU-Kommission, habe ich sechs Jahre lang als Wissenschaftlicher Angestellter in der Ausbildung von Dolmetschern am FAS gearbeitet. Es bestand zu jener Zeit kein Konsens unter Studenten, Berufspraktikern und Institutsverantwortlichen dahingehend, dass nur praktizierende Dolmetscher auch Dolmetscher ausbilden sollten. Dies ist, zumal nach weiteren Studien in Genf und an der ESIT Paris, die wichtigste Erkenntnis aus meiner Studien-, aber auch aus meiner Lehrzeit in Germersheim.
Hoch qualifizierte und erfolgreiche Konferenzdolmetscher können naturgemäß nur in Ausnahmefällen, wie es bei Heinz Göhring der Fall war, gleichzeitig auch Wissenschaftler sein. Eines der wichtigsten Anliegen der Studien- und Lehrkörperplanung liegt daher in einem sorgfältig austarierten „sowohl als auch“, wie es derzeit in Germersheim praktiziert wird.

Das würde ich heutigen Studierenden mit auf den Weg geben:

Diese Frage beantworte ich aus der Sicht des Dolmetschers. Meine Aufforderung als „gestandener“ Dolmetscher an alle jungen Kolleginnen und Kollegen ist auch heute noch nicht überflüssig: „Dolmetscher – verachtet mir das Übersetzen nicht“.

Ich halte im Gegensatz zu zahllosen Dolmetschern das schriftliche Übersetzen für eine unverzichtbare Ergänzung des Dolmetschens und betrachte es sogar als eine alternativlose Brücke zum Dolmetschen. Seit jeher lautet einer meiner Leitsätze: „Nur exzellente Übersetzer können gute Dolmetscher sein“.

Wer Konferenzdolmetscher werden will, sollte nicht fragen, ob man zum Dolmetschen geboren sein muss. Diese Aussage hält sich ebenso hartnäckig wie sie abwegig ist.

Es gibt für das Dolmetschen eine Reihe von Anlagen und Fähigkeiten, die sich nicht sehr oft in ein und derselben Person finden, die aber auch in anderen Tätigkeitsfeldern über Erfolg oder Scheitern entscheiden. Ob ein aussichtsreicher Mix dieser Grundlagen vorliegt, erkennt ein erfahrener Lehrer und Kollege recht früh.

Und abschließend das für mich Wichtigste: Man kann ein ganzes Leben mit und in Sprachen zubringen, ohne jemals das Gefühl zu haben, der Ozean sei ausgelöffelt – erst recht mit einer anspruchsvollen Tätigkeit wie der unsrigen. Dazu gehört jedoch eine Liebe zur Sprache und zu den Sprachen, die für mich mitunter erotische Züge annimmt. Ein sicheres Sprachgefühl ist dabei nicht mehr als die Grundlage. Jeder junge Interessent möge in diesem Licht seine eigene, ehrliche und eingehende Gewissensprüfung an den Anfang aller Dinge stellen.

Jürgen Stähle, Simultandolmetscher, Buchautor und Grimme-Preisträger, ist seit Jahrzehnten einer der bekanntesten Simultandolmetscher Deutschlands. Bereits mit 16 Jahren wollte er, Jahrgang 1949, Konferenzdolmetscher werden. Er studierte an der JGU am heutigen Fachbereich Translations-, Sprach- und Kulturwissenschaft in Germersheim, in Genf und in Paris. Nach seinem Diplom 1971 an der JGU bildete er in Germersheim junge Dolmetscher und Dolmetscherinnen aus, bevor er ab Beginn der 1980-er Jahre ausschließlich freiberuflich als Konferenzdolmetscher arbeitete und in den folgenden Jahren mit Stähle Internationale Kommunikation eine führende Agentur für Simultandolmetscher aufbaute.

1999 erhielt Jürgen Stähle einen Adolf-Grimme-Preis mit Gold [sic!] in der Kategorie „Spezial“ für herausragende Simultanübersetzungen im Fernsehen, wie die Jury des Preises es begründete. Mit dem Buch „Vom Übersetzen zum Simultandolmetschen – Handwerk und Kunst des zweitältesten Gewerbes der Welt“ veröffentlichte er 2009 ein vielbeachtetes Porträt seines Berufs, den er als „Beruf in der Öffentlichkeit, jedoch ohne Öffentlichkeit“ bezeichnet. 2017 erschien „Simultandolmetscher. Fragen, die jeder stellt & Fragen, die kein Schwein stellt“ mit Cartoons von Benoît Cliquet.

Jürgen Stähle hat seit den 1970-er Jahren die Reden zahlreicher Staats- und Regierungschefs, des Papstes und vieler anderer hochrangiger Persönlichkeiten gedolmetscht. Bei den Olympischen Spielen war er im Auftrag von ARD und ZDF von Los Angeles (1984) bis Rio de Janeiro (2016) durchgehend vor Ort im Einsatz. Die Amtseinführung der US-Präsidenten dolmetschte er lückenlos von George Bush sen. bis Joe Biden.

Bildquellen | Porträt: © Stähle Internationale Kommunikation



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