Philosophie, Politikwissenschaft | 2010

Wenn ich an meine Zeit in Mainz und an der JGU denke, fällt mir als Erstes ein …

wie dankbar ich bin, sie erlebt zu haben. Im Rahmen meines Studiums hatte ich die Möglichkeit, viele verschiedene Resonanz- und Wirkungsräume kennenzulernen und „auszuprobieren“. Sei es der akademische Diskurs an sich, Möglichkeiten der studentischen Selbstverwaltung und Mitgestaltung, die persönlichen sozialen Bezüge und Beziehungen, die Lebenswelt als Studentin und dann später als Dozentin – hier wurden sicherlich zentrale Aspekte meines Wesens und meiner Haltung in und zur Welt geprägt. Und hier habe ich gelernt, mich fragend und kritisch mit ihr auseinanderzusetzen. So beobachte ich beispielsweise die zunehmende Ökonomisierung von Bildung und die damit einhergehenden Auswirkungen auf den universitären Betrieb mit Sorge. Ich bin der absoluten Überzeugung, dass der ungehinderte Zugang zu Bildung sowie die Freiheit der Lehre zentrale Werte sind, die es zu verteidigen gilt. Gerade angesichts der großen Herausforderungen unserer Zeit ist es von großer Bedeutung, Vielfalt sowie interdisziplinäre Kooperation anzureizen und die individuellen Potentiale der Studierenden gezielt zu fördern.

Mein Lieblingsort auf dem Gutenberg-Campus war …

das Atrium des Philosophicums. Hier fand vor allem im Sommer das Leben statt. Das Warten auf die Lehrveranstaltungen, manchmal – wenn es sehr heiß war – sogar die Seminare selbst, die Kaffeepause dazwischen, Treffen mit Freunden, Sommerfeste und Grillabende mit meinen Studierenden. Ein Zentrum, an das ich mich in den unterschiedlichsten Gemütslagen erinnere; gespannt, nervös, glücklich, enttäuscht, zufrieden, inspiriert.

Prof. … wird mir immer im Gedächtnis bleiben, weil ...

Prof. Dr. Stephan Grätzel und seine Philosophie-Seminare haben mich während meiner gesamten Studienzeit und auch im Rahmen meiner anschließenden universitären Tätigkeit begleitet. Ein Zitat aus „Das Individuum in der Rolle des Mitmenschen“ von Karl Löwith, den ich dank ihm kennen und schätzen gelernt habe, beschreibt sehr gut, was ich Herrn Prof. Grätzel verdanke: „Wir erwachen durch R e f l e x i o n, d. h. Durch abgenötigte Rückkehr zu uns selbst. Aber ohne Widerstand ist keine Rückkehr, ohne O b j e k t keine Reflexion denkbar. Zu sich selbst zurück kehrt der Mensch aber zumeist nicht von „Objekten“, sondern von Subjekten, d.h. Von Seinesgleichen: denn die „Welt“, an die er sich vorzüglich, ist die ihm entsprechende Mitwelt.“ Prof. Dr. Grätzel ist es immer wieder gelungen, neue Perspektiven auf und durch die Philosophie im gleichberechtigten und offenen Diskurs entstehen zu lassen. In seinen Veranstaltungen wurden Freiräume zum Denken geschaffen und Widerständigkeit war ein Wert im Spannungsfeld von Freiheit und Verantwortung – und der Bequemlichkeit und dem Konformismus in jedem Fall vorzuziehen!

Das Wichtigste, was ich aus meiner Studienzeit mitgenommen habe, ist …

… dass es wichtig ist, alles und immer zu hinterfragen!
… dass die Freiheit zu gestalten viel freier ist als die Freiheit von Verantwortung!
… dass ein respektvolles und offenes Miteinander der Anfang allen Lehrens und Lernens ist!
… dass auch wenn man mal scheitert, die Welt nicht untergeht!
… dass kurze Nächte häufig die besten sind!

Das würde ich heutigen Studierenden mit auf den Weg geben:

Das Studium sollte keine Pflichtübung und auch kein kalkulierter Schritt auf einem durchgeplanten Karrierepfad sein. Letztlich ist dies eine sehr persönliche Entscheidung, aber gerade der ein oder andere vermeintliche Umweg, die Entdeckung von Neuem und das Erleben von Ungeplantem lassen die Welt größer werden. Wie auch immer Sie studieren, es sollte Ihr Studium sein!

Kristina Jeromin, Politikerin (Die Grünen), Jahrgang 1982, tritt für ein nachhaltiges Finanzsystem (Sustainable Finance) ein. Sie studierte Philosophie und Politikwissenschaft an der JGU und übernahm nach ihrem Magisterabschluss (2010) bis 2018 Lehraufträge am Philosophischen Seminar. Hauptberuflich war sie ab 2007 bei der Deutsche Börse AG tätig, zunächst in der Kommunikationsabteilung, später im Corporate Responsibility-Team. Ab 2016 war sie als Leiterin verantwortlich für das Nachhaltigkeitsmanagement des Unternehmens. Ende 2020 gab Kristina Jeromin ihre Position bei der Deutschen Börse auf, um auf der Landesliste der hessischen GRÜNEN für die Bundestagswahl 2021 zu kandidieren.

Kristina Jeromin ist seit 2018 zudem Co-Geschäftsführerin des Green and Sustainable Finance Cluster Germany e. V., einer Initiative am Finanzplatz Deutschland mit dem Ziel, die nachhaltige Entwicklung und den damit verbundenen Transformationsprozess in der Finanzbranche weiter voranzutreiben. Von August 2019 bis März 2021 war sie stellvertretende Vorsitzende des Sustainable Finance-Beirats der Bundesregierung.

Bildquellen | Porträt: © Renato Ribeiro Alves



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