Medizin | 1963

Wenn ich an meine Zeit in Mainz und an der JGU denke, fällt mir als Erstes ein …

Ich habe vorgehabt nach Mainz zu reisen, um meine Schwester, die in Mainz nach Abschluss des Medizin-Studiums in Paris ihre Ausbildung in Kinderheilkunde an der Uniklinik machte, zu besuchen.

Mein ursprüngliches Ziel war San Francisco, um dort Medizin zu studieren. Sie hat mich aber überzeugt, das Studium gleich in Mainz zu beginnen. Mitten im Semester im Januar 1957 wurde ich immatrikuliert.

Im vorklinischen Semester war ich ganz stolz, dass mein Chemie-Professor Fritz Straßmann war, der als junger Chemiker zusammen mit Otto Hahn die Kernspaltung entdeckt hatte, wofür Otto Hahn später den Nobelpreis bekam.

Das war für mich als 19-jähriger Student schon ein großer Ansporn.

Mein Lieblingsort auf dem Gutenberg-Campus war …

die Bibliothek, wo ich sehr viel Zeit verbracht habe.

Prof. … wird mir immer im Gedächtnis bleiben, weil …

Aus dem vorklinischen Semester Prof. Dabelow und Prof. Watzka, Anatomieprofessoren, bei denen wir die gesamte Anatomie mit Präparationskursen gelernt haben.

Ich kann mich sehr gut erinnern, dass mich bei einem anatomischen Testat Prof. Dabelow im Präparationssaal über den Nervus Trigeminus fragte, und ich als jemand, der später Neurochirurg werden wollte, wusste alle Details so gut, dass ich von ihm nach dem Testat das erste Motivations-Lob bekam.

Auch die anderen Professoren waren große Persönlichkeiten in ihren Fächern.

Im klinischen Semester war ich in vielerlei Hinsicht begeistert von dem Professor für Neuropsychiatrie, Prof. Kranz, weil er nicht nur die Neurologie, sondern damals auch die Psychiatrie gelehrt hat. Er war ein gottbegnadeter Lehrer, der die Gabe hatte, die komplexen neurologischen und psychiatrischen Erkrankungen so zu vermitteln, dass man es als Student kaum nötig hatte, die Kenntnisse aus den Lehrbüchern zu bekommen.

Da ich wusste, dass ich Neurochirurg werden will, habe ich mich mit dem Fach sehr intensiv auseinandergesetzt und in den sechs folgenden Semestern bis zum Staatsexamen seine Vorlesungen verfolgt. Das war die große Grundlage meines späteren Berufslebens.

Sobald ich mit dem klinischen Semester angefangen habe, habe ich den Weg zum damaligen Neurochirurgen Prof. Kurt Schürmann gesucht und glücklicherweise hat er mich als Student herzlich empfangen und ich durfte meine Doktorarbeit mit ihm beginnen.

Er war ein junger, sehr dynamischer Neurochirurg, Schüler des Gründers der modernen Neurochirurgie in Deutschland, Wilhelm Tönnis.

Er war eifrig und hat damals auch samstags operiert, ich durfte ihm als Student schon assistieren.

Das Wichtigste, was ich aus meiner Studienzeit mitgenommen habe, ist …

Mit Sicherheit das Auftreten und die didaktische Eignung der Professoren, die mich sehr beeindruckt haben, viele davon waren meine Vorbilder.
Ich habe daraus gelernt, wie man sich später mit den Studenten auseinandersetzen kann und auf welche Art und Weise das Wissen vermitteln kann.

Das würde ich heutigen Studierenden mit auf den Weg geben:

Während des Studiums sollte man sich nicht nur Kenntnisse im einzelnen Fachgebiet aneignen, sondern sich auch kommunikativ mit anderen Studenten auseinandersetzen, um freundschaftliche und herzliche Verbindungen herzustellen. Das wird für das spätere Leben einen besonderen positiven Einfluss haben.

Es gibt drei Phasen, die das Leben stark beeinflussen. Die erste Phase ist nach der Geburt innerhalb der Familie. Die zweite Phase ist die Schulzeit und entscheidend für das Berufsleben ist die dritte Phase, die Studentenzeit.

Als Kind orientiert man sich nach den Eltern und Geschwistern im engen Familienkreis. In der Schule spielen mit Sicherheit die Lehrer und Lehrerinnen für die Entwicklung der Kinder eine sehr wichtige Rolle.
Während des Studiums können die entscheidenden Richtungen für die spätere berufliche und wissenschaftliche Karriere gelegt werden. Hier spielen herausragende Persönlichkeiten an der Universität als Professoren und Lehrer eine entscheidende Rolle, wonach sich die Studenten richten könnten.

Bei allen herausragenden erfolgreichen wissenschaftlichen Persönlichkeiten, wenn man nach ihrer Biographie sucht, findet man immer ein großartiges Vorbild als Lehrer während der Studienzeit.

Prof. Dr. med. Dr. h. c. mult. Madjid Samii, Hochschullehrer und Wissenschaftler, 1937 in Teheran geboren, ist Präsident des International Neuroscience Institute Hannover (INI) seit 2000, Präsident des China INI seit 2004, und Präsident des Iran INI seit 2011.

Studium der Medizin und Biologie 1957-1963 an der JGU, Promotion 1964, Facharztausbildung für Neurochirurgie 1964-1970, Habilitation 1970 über das moderne bildgebende Verfahren des Gehirns (Pneumoenzephalotomographie) und gleichzeitig Ernennung zum stellvertretenden Direktor der neurochirurgischen Uniklinik Mainz. 1971 Berufung zum außerplanmäßigen Professor für Neurochirurgie an der JGU, 1974 ordentlicher Professor und wissenschaftlicher Rat an der JGU.

1966 Etablierung der mikrochirurgischen Technik in der Neurochirurgie und Ausbreitung dieser Technik nicht nur in Deutschland, sondern auch weltweit durch Organisation mikroneuro-chirurgischer Kurse. Diese wurden auch von der VW-Stiftung unterstützt.

1970 begründete Madjid Samii weltweit die erste interdisziplinäre Arbeitsgruppe für Schädelbasis-chirurgie, was die Keimzelle der Entwicklung und Verbreitung dieses neuen Fachgebiets war.

1977 Berufung als Direktor des neurochirurgischen Klinikums Nordstadt Krankenhaus in Hannover und später
1986 Ruf an den Lehrstuhl für Neurochirurgie in Leiden, NL (abgelehnt), Dezember 1987 Ruf an den Lehrstuhl für Neurochirurgie in Mainz und April 1988 an die Medizinische Hochschule Hannover (angenommen).

Die wissenschaftlichen Themen, über die er in mehr als 600 Publikationen und 17 Büchern geschrieben hat, sind experimentelle und klinische periphere Nervenregeneration sowie zahlreiche neue chirurgische Zugänge an der Schädelbasis.

Madjid Samii ist Mitglied und Ehrenmitglied von mehr als 80 nationalen und internationalen neurochirurgischen Gesellschaften und nationalen Akademien der Wissenschaften in mehr als 50 Ländern. Er erhielt den Ehrendoktor sowie die Ehrenprofessur 25 renommierter Universitäten. Außerdem wurde er in 13 Städten weltweit Ehrenbürger, und mehrere Krankenhäuser und Straßen wurden in verschiedenen Ländern nach ihm benannt.

Weltweit erhielt Madjid Samii viele Auszeichnungen und Anerkennungen für seine wissen-schaftlichen und humanitären Aktivitäten und seine akademische Lehrtätigkeit. Unter anderem erhielt in China den Chinesischen Freundschaftspreis, in den Vereinigten Staaten die Goldene Ehrenmedaille der Neurosurgical Society of America, in Russland den Pigorov Golden Medal Award, die höchste Auszeichnung der Russischen Nationalen Akademie der Wissenschaften, in Griechenland erhielt er die Goldene Medaille des Aristoteles und in Brasilien die Medal of Honor of National Academy of Science.

Er war Präsident der Deutschen Gesellschaft für Neurochirurgie (1996-1998) und Gründer und erster Präsident der Deutschen Gesellschaft für Schädelbasischirurgie (1992-1996) sowie erster Präsident der World Federation of Skull Base Societies (1992-1996) und der Deutschen Gesellschaft für Plastische und Rekonstruktive Chirurgie (1989).

Außerdem war er von 1997-2001 Präsident der World Federation of Neurosurgical Societies (WFNS), seitdem ist er Ehrenpräsident der WFNS und seit 2011 Botschafter der WFNS für Afrika. Er hat das Africa100-Programm initiiert, um die Ausbildung und Entwicklung der Neurochirurgie in Afrika zu fördern und zu etablieren. Für seinen Beitrag für die Entwicklung der Neurochirurgie in Afrika wurde er 2016 Ehrenpräsident der Continental Association of African Neurosurgical Societies (CAANS), welche er in die Wege geleitet hat.

Für die wissenschaftliche und praktische Entwicklung der Neurochirurgie und besondere Verdienste um die internationale wissenschaftliche Zusammenarbeit in der Neurochirurgie erhielt er von Bundespräsident Richard von Weizsäcker das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse (1988) und 2013 den Leibniz-Ring-Preis in Deutschland.
Für seine Beiträge zur Entwicklung der Neurochirurgie und seine Bemühungen in Wissenschaft und Bildung weltweit hat die WFNS die Madjid Samii Medal of Honor geschaffen, die seit 2011 alle zwei Jahre an Neurochirurgen für ihr Lebenswerk in der Neurochirurgie verliehen wird.

Bildquellen | Porträt: © Madjid Samii



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