Psychologie, Publizistik | 1972

Wenn ich an meine Zeit in Mainz und an der JGU denke, fällt mir als Erstes ein …

dass meine Entscheidung für die Studienfächer Psychologie und Publizistik genau richtig war, gerade auch an der JGU. Die Psychologie war damals breit aufgestellt, ohne einer bestimmten Denkschule verpflichtet zu sein; von der Philosophie über die Statistik zu streng empirischer und experimenteller Forschung, die Publizistik war umfrageorientiert, datenbezogen, aber auch mit einem weiten Horizont. Die Vorlesungen in der Philosophie zu Kants Kritik der reinen Vernunft haben mich tief beeindruckt und mein Denken zur Beziehung des Individuums zur Gesellschaft bestimmt, sodass ich mich schließlich auch für die Sozialpsychologie entschieden habe.

Mein Lieblingsort auf dem Gutenberg-Campus war …

der Platz und die Wiese vor der Mensa, wo wir uns vom ersten Semester an verabredeten, miteinander sprachen, Blödsinn machten, viel lachten und uns über die Professoren lustig machten.

Prof. … wird mir immer im Gedächtnis bleiben, weil …

Ich habe mehrere Professoren in guter Erinnerung, allen voran
Albert Wellek, ein Psychologe der alten Schule, ein Österreicher, der auch ein begnadeter Dirigent war und gerne über Gefühl und Wille, Gemüt und Gewissen sprach, ein äußerst liebenswerter, liberaler, weltoffener Wissenschaftler. Und dann auch Professor Risler, ein Zoologe, der mir im Kontext der Promotion anbot, entweder ein Praktikum in einem Pferdestall in Gonsenheim zu machen oder eine Hausarbeit über Drosophila, wofür ich mich dann auch entschieden habe. Professor Risler war ein gütiger, hochkompetenter Wissenschaftler mit Weitblick.

Das Wichtigste, was ich aus meiner Studienzeit mitgenommen habe, ist …

dass wissenschaftlich, methodisch korrekt gewonnene Erkenntnisse nicht endgültige Wahrheiten sind, sondern dass sie wiederum eine Fülle von weiteren Fragen aufwerfen, die beantwortet werden müssen. Auch habe ich gelernt, im Diskurs fair zu argumentieren ohne rechthaberisch zu sein, verschiedene Perspektiven auch auf kontroverse Meinungen zu erkennen, einzuordnen und zu diskutieren.

Das würde ich heutigen Studierenden mit auf den Weg geben:

Offen zu sein für andere Menschen, ihre Sichtweisen zu erfahren und zu erkennen, sich damit auseinanderzusetzen, sich darin zu üben, fremde Wahrnehmungen und Gewissheiten ernst zu nehmen. Und die Möglichkeiten zu nutzen, die die Universität bietet, über Fächergrenzen hinweg andere Denkweisen und andere Disziplinen kennenzulernen und, natürlich, unbedingt auch internationale Erfahrungen zu sammeln, entweder über Auslandsaufenthalte oder auch durch entsprechende Angebote vor Ort in Mainz.

Prof. Dr. rer. nat. Margret Wintermantel, Jahrgang 1947, ist Universitätsprofessorin für Sozialpsychologie und ehemalige Wissenschaftsmanagerin. Sie studierte von 1966 bis 1970 Psychologie und Publizistik an der JGU und wurde 1972 zur Dr. rer. nat. promoviert. Danach arbeitete sie als Forschungsassistentin am Psychologischen Institut der Universität Heidelberg, ab 1979 auch als Projektleiterin des DFG-Sonderforschungsbereichs „Sprechen und Sprachverstehen“. 1986 folgte die Habilitation im Fach Psychologie an der Universität Heidelberg.

1992 wurde Margret Wintermantel zur Universitätsprofessorin für Sozialpsychologie an die Universität des Saarlandes berufen, zwei Jahre später dort zur Vizepräsidentin für Lehre und Studium, im Jahr 2000 zur Präsidentin der Universität gewählt. 2006 legte sie dieses Amt aufgrund ihrer Wahl zur Präsidentin der Hochschulrektorenkonferenz (HRK) nieder. Von 2012 bis Ende 2019 war sie Präsidentin des Deutschen Akademischen Austauschdienstes e. V. (DAAD).

Margret Wintermantel war und ist Mitglied in zahlreichen Gremien, u. a. im Board der European University Association und im Österreichischen Wissenschaftsrat, in mehreren Hochschulräten und Kuratorien von Universitäten. Sie ist Vorsitzende des Hochschulrats der Universität des Saarlandes.

Für ihr Wirken wurde Margret Wintermantel mehrfach ausgezeichnet. Sie ist Ritter der französischen Ehrenlegion und Trägerin des Verdienstkreuzes 1. Klasse sowie des Großen Verdienstkreuzes des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland.

Bildquellen | Porträt: © DAAD/Lichtographie



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