Rechtswissenschaft | 1996

Wenn ich an meine Zeit in Mainz und an der JGU denke, fällt mir als Erstes ein …

das heute als „Alte Mensa“ bezeichnete Gebäude am Forum Universitatis, in dessen erstem Stock sich nicht nur das für juristische Vorlesungen oft genutzte Auditorium Maximum, sondern (in der rechten Aula) auch die Mensa befand, zu der sich mittags die Schlange der Hungrigen mit Essensmarken in der Hand („zum Preis von 2,10 DM an der Kasse im Erdgeschoss und vor den Aufgängen zur Mensa erhältlich, Abgabe nur in 5-Stück-Mengen“) hinaufwand, um die auf einem Tablett mit Vertiefungen für Suppe, Hauptgang und Nachtisch mit Suppenkellen nur einigermaßen treffsicher platzierten Speisen in Empfang zu nehmen, welche bereits auf dem Weg zum Tisch eine noch innigere Verbindung einzugehen versuchten, und in dessen Erdgeschoss die „Bierschwemme“ ihrem Namen dadurch alle Ehre machte, dass ihr von verschüttetem Bier stets klebriger Boden die Gäste am vorzeitigen Verlassen des Lokals hinderte.

Mein Lieblingsort auf dem Gutenberg-Campus war …

zu jeder Jahreszeit der Botanische Garten, auch zur Erholung von der damaligen juristischen Seminarbibliothek im SB II und ihren Insassen, an Sommerabenden das Gartenlokal in der „Sportlerklause“ am Rande des Sportplatzes, zur Aufnahme geistiger Nahrung die Unibibliothek mit ihrem offenen Magazin und – last but not least – die „Erfrischungsräume“ (Cafés) im SB II und im Philosophicum als Orte vielfältigen zwischenmenschlichen Austauschs.

Prof. … wird mir immer im Gedächtnis bleiben, weil …

Prof. Peter Schneider, der letzte Rektor und erste Präsident der Universität, dessen letzter Doktorand ich sein durfte, weil es ihm in unnachahmlicher Weise gelungen ist, nicht nur (angehenden) Juristen, sondern auch Studierenden der Germanistik und der Romanistik und allen anderen literarisch Interessierten die Darstellung von Recht und Staat in der Literatur nahezubringen, so etwa in seiner Vorlesung über Jurisprudenz und Literatur (nachzulesen in seinem Buch „… ein einzig Volk von Brüdern“) und in fachübergreifenden Seminaren gemeinsam mit dem Germanisten Prof. Hermann Kurzke (über Wieland) und dem Romanisten Prof. Kurt Ringger (über Balzac) sowie der Völkerrechtler Prof. Walter Rudolf, dessen Mitarbeiter ich vier Jahre lang war, wegen seiner umfassenden Bildung und beeindruckenden Weltgewandtheit.

Das Wichtigste, was ich aus meiner Studienzeit mitgenommen habe, ist …

die Fähigkeit, eigenständig Lösungen zu wissenschaftlichen Fragestellungen zu erarbeiten und zur Diskussion zu stellen.

Das würde ich heutigen Studierenden mit auf den Weg geben:

Lasst euch (wenn möglich) nicht durchs Studium hetzen, nehmt euch Zeit, über den Tellerrand des eigenen Fachs hinauszuschauen und das „Studium Generale“ zu betreiben; die Studienzeit ist die beste Gelegenheit, den eigenen Horizont zu erweitern.

Prof. Dr. Thomas Koch, Vorsitzender Richter am Bundesgerichtshof, Jahrgang 1961, studierte Rechtswissenschaft sowie Philosophie, Politikwissenschaft und Geschichte an der JGU. Nach dem ersten juristischen Staatsexamen arbeitete er als wissenschaftlicher Mitarbeiter der JGU, wo er 1996 promoviert wurde. Bereits ab 1992 war er im höheren Justizdienst des Landes Rheinland-Pfalz tätig, unter anderem bei der Staatsanwaltschaft Mainz, im wissenschaftlichen Dienst des Landtags und im Justizministerium. 1996 wurde er zum Richter am Landgericht Mainz ernannt.

Von 1999 bis 2001 war Thomas Koch wissenschaftlicher Mitarbeiter am Bundesgerichtshof (BGH) in Karlsruhe, danach arbeitete er als Richter am Oberlandesgericht Koblenz. Seit 2006 ist Thomas Koch als Richter am BGH tätig. 2018 wurde er zum Vorsitzenden des I. Zivilsenats ernannt, der sich u. a. mit Urheberrecht und gewerblichem Rechtsschutz befasst. Seit 2014 ist er Honorarprofessor der Universität zu Köln.

Bildquellen | Porträt: © Daniela Mohr-Lemlah



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